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Energiepolitik

Das Schicksal der Strommasten

Ohne den Ausbau des Stromnetzes ist mehr Ökostrom im Netz nicht möglich. Ein neues Bündnis will Vorschläge erarbeiten. Schon jetzt wird heftig gestritten.

Das deutsche Stromnetz muss dringend modernisiert und ausgebaut werden, damit es die neuen Mengen Ökostrom aufnehmen kann. Experten streiten, wie der Ausbau konkret gemacht werden kann

Das deutsche Stromnetz muss dringend modernisiert und ausgebaut werden, damit es die neuen Mengen Ökostrom aufnehmen kann. Experten streiten, wie der Ausbau konkret gemacht werden kann

Seit Jahren lebt Gaby Bischop aus Raesfeld bei Borken neben einer Stromtrasse. Diese will der Stromkonzern RWE jetzt aufrüsten, statt 220 kV soll die Freilandleitung zwischen Wesel am Niederrhein und Diele bei Papenburg künftig 380 kV transportieren können. Für Bischop ist das ein Unding. Sie fürchtet sich vor Elektrosmog. Am liebsten würde sie die Strommasten unter der Erde verschwinden sehen. "Die Belastungen von Mensch und Umwelt müssen so gering gehalten werden wie möglich“, sagt die Vertreterin der Bürgerinitiativen Pro Erdkabel NRW. "Das geht am besten mit Erdkabeln statt mit immer neuen Überlandleitungen.“ Doch dagegen wehrt sich der Netzbetreiber, eine Tochter des RWE-Energiekonzerns. Ein Kilometer Erdkabel ist bis zu sieben Mal so teuer wie ein Kilometer Freilandleitung. 

Energieexperten sind sich einig, dass am Netzausbau kein Vorbeikommen ist. Schließlich hat die Bundesregierung angesichts des Klimawandels ambitionierte Ziele: Bis 2020 soll sich der Anteil von Ökostrom mindestens auf 30 Prozent verdoppelt haben. Einen so hohen Anteil schwankender Stromeinspeisungen macht das derzeitige Stromnetz nicht mit. Von der Küste wird zukünftig Offshore-Strom in riesigen Mengen eingespeist werden, er muss zu den Industrieregionen im Ruhrgebiet und ins Rhein-Main-Gebiet.

Dazu kommen quer über Deutschland verstreut Biogas- und Solaranlagen. Allein durch den Ausbau der Windenergie benötigt Deutschland rund 800 Kilometer neue Stromleitungen bis zum Jahr 2015, ergab eine dena-Netzstudie. Sie stammte noch aus dem Jahr 2005, inzwischen könnten einige Kilometer dazugekommen sein. 

Es gibt viele Fragen zu klären: Wo werden die neuen Leitungen gebaut? Sollen lieber Erdkabel oder Freiland-Leitungen verlegt werden? Sind Stromautobahnen nach Skandinavien sinnvoll, um dort überschüssigen Windstrom speichern zu lassen? Und wer trägt die Zusatzkosten? Die Antworten will das Forum Netzintegration, das sich am Dienstag in Berlin erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, in seinem Plan N finden, den es im kommenden Jahr erstellen will. Es wird dabei vom Bundesumweltministerium gefördert und von der Deutschen Umwelthilfe organisiert. Zu der Initiative gehören, und das ist ungewöhnlich, nicht nur Netzbetreiber, die den Ausbau realisieren müssen, sondern auch Industrieverbände, Vertreter der erneuerbaren Energien-Branche sowie Bürgerinitiativen. Die Mischung birgt Konfliktpotenzial.

Beispiel Erdkabel: Während Bischop für innovative Technologien wie Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) plädiert (die sogenannten Stromautobahnen), sind Erdkabel für Olivier Feix von der Vattenfall Transmission GmbH keine Lösung. Denn gibt es im Erdreich Probleme, werde es kompliziert: Unter Tage eine Schadstelle zu finden, sei schwer. Und dann müsse das Unternehmen auch noch mit den unterschiedlichen Grundstückseigentümer aufwändig verhandeln, um Reparaturen durchführen zu dürfen. Erdkabel seien eine teures Vergnügen, ist Feix Bilanz.

Das Schicksal der Strommasten

Will das Forum Einfluss nehmen, dann muss es sich bei der Ausarbeitung seines Planes beeilen. Denn die neue Bundesregierung will selbst Anfang kommenden Jahres mit der Erarbeitung eines umfassenden Energiekonzepts beginnen. Und dort wird es auch um die Themen Stromnetzausbau und Stromspeicherung gehen sowie um die Zukunft der Netzbetreiber. Schließlich ist immer noch die Gründung einer Deutschen Netz AG, an welche die vier Übertragungsnetze übertragen werden, im Gespräch. Die Energiekonzerne E.on und Vattenfall haben zudem bereits angekündigt, ihre Netztöchter zu verkaufen. Das wird die zukünftige Arbeit des Bündnisses nicht unbedingt einfacher machen.

ZEIT-Online, 2.12.2009

 

 

Dienstag, 15. Dezember 2009: Pilotprojekt Erdkabel

Strommast; Rechte: WDR

Strommast

Im Kreis Borken sollen zum ersten Mal in Deutschland 380.000-Volt-Stromleitungen unter der Erde verlegt werden. Die Genehmigung liege noch nicht vor, solle aber im kommenden Jahr bei der Bezirksregierung Münster beantragt werden, sagte ein Sprecher der für Stromnetze zuständigen RWE-Tochter Amprion dem WDR.

Die bei Raesfeld, Borken und Legden geplanten unterirdischen Höchst-Spannungsleitungen sind Teil eines von insgesamt vier Pilotprojekten in Deutschland. Die Erdkabel sollen allerdings nicht durchgehend, sondern nur streckenweise verlegt werden, und zwar dort, wo die 380.000-Volt-Leitungen sehr nah an Wohnsiedlungen heranreichen. Der Rest ist aus Kostengründen als Freileitung geplant. Die RWE-Tochter Amprion rechnet mit bis zu siebenfach höheren Kosten. Außerdem fehlten Erkenntnisse über Auswirkungen auf die Umwelt, so ein Sprecher. Die Menschen in Raesfeld, Borken und Legden werten das als ersten Schritt. Sie kämpfen dafür, dass die Leitungen vollständig unterirdisch verlegt werden.

 

Rückschau: Stromnetz

Engpässe 

von Michael Houben 

Hochspannungsmasten; Bild: ddp Bild vergrößern Bildunterschrift: ]
(© WDR) Weil an Nord- und Ostsee die Windkraft immer weiter ausgebaut wird und heute schon mehr Strom erzeugt als im Norden gebraucht wird, hat die Bundesregierung beschlossen, dass die Stromnetze ausgebaut werden müssen - bundesweit. Betroffene Anwohner müssen dafür elektromagnetische Strahlung verkraften, die im Extremfall bis zu 250-mal höher ist, als in anderen europäischen Ländern erlaubt. Ein Opfer für die saubere Windkraft?

Im August 2009 beschloss die damalige Große Koalition das Energieleitungsausbaugesetz. Damit wurde die Notwendigkeit von weit über tausend Kilometern neuer Hochspannungsleitungen gesetzlich festgezurrt und das Recht betroffener Anwohner gegen einen Neubau zu klagen gesetzlich beschnitten. Trotzdem regt sich Widerstand. Bürger versuchen, die neuen Leitungen, die teilweise direkt über ihren Häusern verlaufen sollen, zu verhindern. Sie haben Angst – und das nicht ganz ohne Grund.

 

Grenzwerte und Risiken

Eine im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz erstellte Auswertung sieht ein „erhöhtes Risiko für Alzheimer bei Personen, die in einer Entfernung von weniger als 50 Metern zu einer Hochspannungsleitung wohnen.“ Eine weitere Studie untersuchte Dutzende weltweit vorhandene Forschungsarbeiten und kommt zu folgendem Fazit: „Internationale epidemiologische Studien zu Leukämien im Kindesalter zeigen eine statistisch auffällige Häufung bei Magnetfeldern oberhalb 0,4 Mikrotesla.“ Doch bis heute ist nicht bekannt, durch welche biologische Wirkung diese Krankheiten entstehen. Rein wissenschaftlich gesehen, bleibt es daher bei einem Verdacht. Die schweizer Behörden nehmen den Verdacht ernst. Neue Leitungen dürfen nur gebaut werden, wenn Anwohner dadurch mit maximal 1 Mikrotesla belastet werden. In Holland dürfen Leitungen nur dann gebaut werden, wenn Häuser, in denen sich Kinder aufhalten, mit maximal 0,4 Mikrotesla belastet werden. In Deutschland sind noch immer Belastungen bis zu 100 Mikrotesla erlaubt.

 

Erdkabel oder Freileitung?

Weil an vielen Orten die Bevölkerung gegen neue Leitungen protestierte, wurde in Niedersachsen schon vor Jahren ein Gesetz erlassen, dass neue Leitungen in bewohnten Gebieten unter die Erde zu legen sind. Die Belastung durch elektromagnetische Felder sinkt dadurch deutlich. Doch das Energieleitungsausbaugesetz schreibt ausdrücklich vor, dass nur vier neue Leitungsabschnitte als Pilotprojekt unter die Erde gelegt werden dürfen, drei davon liegen in Niedersachsen. Für alle anderen Leitungen dürfen sich die Netzbetreiber die Mehrkosten nicht erstatten lassen. Wie hoch die Mehrkosten ausfallen, ist ohnehin umstritten. Schätzungen liegen zwischen doppelten und bis zu zehnfachen Kosten. An den Strompreisen für Endkunden hat der Ferntransport über Hochspannungsnetze allerdings nur einen verschwindend geringen Anteil. Selbst wenn alle neuen Fernleitungen unter die Erde müssten, würde der Strompreis um weniger als ein Prozent steigen. Doch der Gesetzgeber war eindeutig: Vier Pilotprojekte sind erlaubt. Alle anderen Leitungen müssen oberirdisch entstehen – zur Not auch direkt über bewohnten Häusern.

 

Neue Leitungen für die Windkraft?

Allerdings bezweifelt manch ein Experte, dass für die Windkraft wirklich neue Leitungen benötigt werden. Einer von ihnen ist Prof. Lorenz Jarrass, der mit Buch „Windenergie“ das wissenschaftliche Standardwerk zu diesem Thema verfasst hat. Er kommt zu dem Fazit, dass allenfalls einige wenige Lückenschlüsse im Stromnetz nötig sind. Die große Mehrzahl der aktuellen Projekte werde nur deshalb benötigt, weil die großen Kohlekraftwerke auch dann betrieben werden sollen, wenn bei starkem Wind die Windkraft eigentlich ausreichen würde, um den größten Teil Deutschlands mit Strom zu versorgen.

Dass dies plausibel ist, zeigt die längste der geplanten Leitungen: Sie führt parallel zu einer bereits bestehenden Leitung von Norddeutschland durch das Ruhrgebiet mit seinen Steinkohlekraftwerken und das rheinische Braunkohlerevier bis östlich von Koblenz. Wenn kein Wind weht, transportiert die bestehende Leitung den Strom von den Kohlekraftwerken nach Norden und Süden. In Starkwindphasen könnte der Windstrom den Kohlestrom ersetzen, genügend Leitungskapazitäten wären vorhanden. Nur wenn die Kohlekraftwerke auch in einer solchen Phase weiterlaufen sollen, macht eine zweite Leitung Sinn.

Tatsächlich hat der Energiekonzern RWE im rheinischen Braunkohlerevier in den vergangenen Jahren neue Kraftwerke in Betrieb genommen. Weitere sind in Bau, ebenso wie im Ruhrgebiet. Der Sprecher der für den Netzbetrieb zuständigen RWE-Tochter Amprion verweist zwar darauf, dass es auch heute schon südlich der Braunkohlekraftwerke einen Engpass gebe, bestätigt aber ausdrücklich, dass die neuen Leitungen nicht nur der Windkraft dienen sollen. „Die zweite Herausforderung ist die Integration von neuen konventionellen Kraftwerken, die vor allem im Ruhrgebiet gebaut werden. Von diesen Kraftwerken müssen wir den Strom abtransportieren und dafür neue Leitungen bauen.“ Und dabei kann sich Amprion ausdrücklich auf die Gesetzeslage berufen.

 

Alternative Gleichstrom

Professor Jarrass verweist darauf, dass die klimapolitischen Versprechungen der Bundesregierung, durch Windkraft den Kohlendioxidausstoß zu senken, nicht greifen, wenn selbst an Tagen mit starkem Wind die Kohlekraftwerke nicht entsprechend heruntergefahren werden. Doch er hält den Ausbau der Leitungen auch wirtschaftlich für einen Fehler: „Wenn wir jetzt die ganzen im Energieleitungsausbaugesetz vorgesehenen Planungen realisieren, besteht das große Risiko, dass wir in beträchtlichem Umfang Fehlinvestitionen vornehmen. Diese Fehlinvestitionen muss der deutsche Stromverbraucher bezahlen mit überhöhten Strompreisen.“

Tatsächlich: Die neuen Offshore-Windparks, mit denen der Anteil der Windenergie gesteigert werden soll, liefern den erzeugten Strom an der Küste nicht als Wechsel-, sondern als Gleichstrom ab. Aus gutem Grund: Der Gleichstromtransport funktioniert – anders als klassischer Hochspannungswechselstrom – praktisch ohne Verluste. Erst an der Küste wird der Gleichstrom dann in speziellen Umspannwerken in Wechselstrom umgewandelt und soll dann mit erheblichen Verlusten über das klassische Stromnetz in den Süden transportiert werden. Laut Professor Jarass ist das wirtschaftlich unsinnig: „Den Windstrom von der Nordseeküste sollten wir über übergelagerte Netze von der Nordseeküste direkt per Gleichstrom in die Alpen und nach Süddeutschland transportieren.“

Der Vorteil liegt nicht nur in geringeren Verlusten: Gleichstrom erzeugt auch keine potenziell gesundheitsgefährdenden elektromagnetischen Felder. Außerdem lassen sich Gleichstromkabel viel einfacher unterirdisch verlegen als Wechselstromleitungen. Die Gleichstromtechnik ist noch neu und wird bislang vor allem für lange Unterseekabel genutzt. Allerdings sind insbesondere in China bereits Tausende Kilometer dieser neuen Fernleitungen in Betrieb. Auch wenn in Zukunft mit dem Projekt „Desertec“ Solarstrom aus der Sahara nach Europa kommen soll, wird dies mit Gleichstrom geschehen.

Der Bau eines derartigen Gleichstromnetzes zwischen Nord- und Süddeutschland würde sicher einige Jahre länger dauern als der momentan geplante Ausbau des althergebrachten Wechselspannungsnetzes. In der Übergangsphase müssten die Betreiber konventioneller Kraftwerke an Tagen mit starkem Wind ihre Anlagen herunterfahren, um in den vorhandenen Leitungen Platz für den Windstrom zu machen. Auf lange Sicht aber wäre der europaweite Transport von Gleichstrom die eindeutig preiswertere Alternative.

Übrigens können Neonröhren auch ohne Stromzufuhr leuchten - allein durch das elektrische Feld einer Hochspannungsleitung. Allerdings funktioniert das nur unter Höchstspannungsleitungen mit einer Spannung von 380 Kilovolt. Der Effekt funktioniert umso besser, je tiefer die Leitungen hängen.

 
 

Links zu weiteren Infos ...

Pressemitteilung und Link zum Energieleitungsausbaugesetz
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Infos über Freileitungen und Erdkabel
Initiativen Pro Erdkabel NRW

Infos zum Netzausbau
Netzbetreiber Amprion GmbH

Buch „Windenergie“ von Prof. Dr. Lorenz Jarrass u.a.
Google-Voransicht (190 von 295 Seiten)

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 11.05.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

 

 

Akzeptanz neuer Stromtrassen kann verbessert werden (18.08.2010)

Neue Stromtrassen würden von der betroffenen Bevölkerung besser akzeptiert, wenn bei der Planung und Umsetzung bestimmte Mindestanforderungen eingehalten und verbindlichere Regelungen etwa bezüglich der Abstände der Leitungen von Wohngebieten oder der Verlegung der Kabel in die Erde gelten würden.

Außerdem sind die Menschen eher bereit, einem Netzausbau „vor ihrer Haustür“ zuzustimmen, wenn dieser nachweislich der Integration erneuerbarer Energien dient. Das sind einige der zentralen Ergebnisse einer Untersuchung, die die Forschungsgruppe Umweltpsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe e. V. (DUH) durchgeführt hat. Die vom Bundesumweltministerium finanzierte Studie wurde im Rahmen des „Forum Netzintegration Erneuerbare Energien“ der DUH erstellt.

Umfrageergebnisse duhBei der Erhebung gaben Betroffene in der hessisch-niedersächsischen Region Wahle-Mecklar, wo eine neue Höchstspannungsstromtrasse entstehen soll, Auskunft über ihre Einstellungen zu der Planung. Insgesamt kamen von 1.200 verteilten Fragebögen 450 zurück und konnten ausgewertet werden. Zusätzlich wurden Interviews mit zwölf zentralen Akteuren in der Region geführt.

Ergebnisse 1:

  • 75% der betroffenen Bürger verlangen als Voraussetzung für ihre Zustimmung zu einer neuen Trasse die Verlegung der Leitungen in die Erde („Erdverkabelung“). Allerdings wird der Wissensstand über Erdkabel von einem Drittel der Befragten selbst als gering eingestuft.
  • Ausdrücklich fordern mehrere Befragte (auch unter Hinweis auf die Rechtssicherheit) verbindlichere Bestimmungen, unter welchen Bedingungen eine Erdverkabelung verpflichtend sein soll.
  • 39% der Befragten wären bereit, für die teurere Erdverkabelung einen höheren Strompreis zu akzeptieren.

Dazu Peter Ahmels, Projektleiter bei der DUH: „Konkret wünschen insbesondere engagierte Betroffene verbindliche, rechtssichere Bestimmungen zur Erdverkabelung in Siedlungsnähe. Dabei bevorzugen die Anwohner klar eine Vollverkabelung über die ganze Strecke gegenüber einer Teilverkabelung. Die Befragten wären auch bereit, dafür mehr zu zahlen“.

Ergebnisse 2:

  • 75% derjenigen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, wünschen sich, bei der Planung neuer Höchstspannungsleitungen mitreden zu können. Gleichzeitig sind nur einem Viertel der Befragten die Regeln für regionale Planungsverfahren wie Auslagefristen etc. bekannt.
    * 85% wünschen sich mehr frühzeitige Informationen über das Vorhaben.
  • Regionalen Bürgerinitiativen wird mit 57% unter allen Informationsquellen die größte Glaubwürdigkeit attestiert; Planungsbehörden und Netzbetreibern geben dagegen nur 12% bzw. 10% das Prädikat „glaubwürdig“.
  • Signifikant wichtig ist den Betroffenen die Transparenz des Planungsprozesses. Aber nur 10% der Befragten stufen ihn derzeit als „fair“ ein.

„Der Informationsbedarf zum Um- und Ausbau der Stromnetze ist unter den regional betroffenen Bürgerinnen und Bürgern sehr groß, wie unsere Studie zeigt. Eine breit angelegte Informationskampagne könnte Fortschritte erbringen, sofern sie von einer als glaubwürdig und unabhängig eingestuften Organisation durchgeführt wird", erläutert Irina Rau, eine der AutorInnen der Studie von der Universität Magdeburg. Die Antworten zeigten klar, dass die frühe Information der Anwohner und anderer Betroffener über geplante Stromtrassen für die Akzeptanz essentiell sei. Stärker als bisher üblich sollten Institutionen bei der Informationsbereitstellung beteiligt werden, die von den Betroffenen als unabhängig eingestuft werden.

Ergebnisse 3:

  • 87% der Befragten fürchten einen negativen Einfluss auf das Landschaftsbild.
  • Knapp zwei Drittel der Befragten akzeptieren neue Stromtrassen, sofern sie der Integration erneuerbarer Energien dienen.
  • 45% machen ihre Zustimmung davon abhängig, ob zuvor alle anderen Möglichkeiten, wie zum Beispiel eine stärker dezentral ausgerichtete Stromerzeugung, ausgeschöpft wurden.
  • 80% der Betroffenen fürchten im Zusammenhang mit dem Trassenbau gesundheitliche Beeinträchtigungen durch elektromagnetische Felder in ihrer direkten Umgebung.
  • Ebenfalls 80% erwarten ökologische Beeinträchtigungen.
  • 65% sorgen sich um einen möglichen Wertverlust ihrer Immobilien.
  • 45% sehen für die eigene Region keinen Nutzen durch die neue Stromleitung, nur 20% erwarten Vorteile.
  • Mögliche Kompensationszahlungen werden von der Mehrheit als Möglichkeit zur Schaffung von Akzeptanz abgelehnt; sie können aber im Einzelfall dazu beitragen, einen „Gerechtigkeitsausgleich“ für unvermeidbare Belastungen zu schaffen.

„Offenbar hat in den meist ländlich geprägten Regionen, in denen neue Trassen geplant werden, die Bewahrung des Landschaftsbilds einen sehr hohen Stellenwert. Der Netzausbau hat dennoch Chancen, von einer Mehrheit akzeptiert zu werden, wenn er klar der Integration erneuerbarer Energien dient. Allerdings auch dann nur als ultima ratio, wenn vorher alle anderen Möglichkeiten – wie zum Beispiel eine dezentralere Stromerzeugung – ausgeschöpft werden und persönliche Beeinträchtigungen minimiert werden“, erläuterte Ahmels.

Insgesamt gebe die Untersuchung eine Fülle von Hinweisen, wie die Akzeptanz neuer Stromtrassen erhöht werden könne, erklärte Ahmels. In Zukunft mache sich deshalb unglaubwürdig, wer es bei der allgemeinen Klage über die „vielfältigen Widerstände vor Ort“ belasse. „Wir stehen mit unseren Möglichkeiten, den Umbauprozess in das regenerative Zeitalter zu beschleunigen und dabei die Menschen mitzunehmen, erst am Anfang. Wir müssen die große Zustimmung zu den erneuerbaren Energien auch für den Netzumbau erreichen.“

Auf den Seiten der DUH finden Sie den Abschlussbericht der Akzeptanzstudie der Universität Magdeburg (hier)

Quelle: Deutsche Umwelthilfe DUH

 

 

Der neue grüne Strom.

Energiepolitik:  Die Strom-Offensive

Für eine grüne Energieversorgung ist vor allem ein neuartiges Netz nötig. Wird das nicht gebaut, sind viele Windräder und Solaranlagen nutzlos.

Hundert Kilometer nordwestlich von Borkum beginnt die elektrische Zukunft. Von keiner Küste aus zu sehen, entsteht hier ein einzigartiges Bauprojekt: Deutschlands erster Offshorewindpark, der nicht nur ein Testfeld ist, sondern rein kommerziellen Zwecken dient. Weltweit der erste, der nicht bloß in flachem Wasser steht, sondern 40 Meter über dem Meeresgrund. Bald schon sollen die ersten von 80 Turbinen, jede mit einer Leistung von 5 Megawatt, sauberen Strom erzeugen. Gemeinsam bilden sie ein stattliches Kraftwerk, das eine Stadt mit 400.000 Mehrpersonenhaushalten beliefern könnte.
Eine technische Meisterleistung. Aber auch – ein Kuriosum. Denn da draußen gibt es keine Kleinstadt. Es gibt überhaupt keine Stromverbraucher. Es gibt nur das Meer.

Vorangetrieben wird das Pionierprojekt von einem reichen Deutschrussen namens Arngolt Bekker. Der Hauptgesellschafter der BARD-Gruppe mit Sitz in Emden hat in den vergangenen Jahren ein kleines Firmenimperium geschaffen – nur mit dem Ziel, einer der führenden Betreiber von Windparks auf See zu werden. Denn die seien »die Zukunft«, sagt Bekker.

Er ist mit dieser Ansicht nicht mal allein. Schon in zwanzig Jahren, heißt es in Studien des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), könne die über dem Meer gewonnene Elektrizität Deutschlands wichtigste Stromquelle sein – wichtiger als Braunkohle, Steinkohle, Erdgas oder Nuklearenergie. Nirgendwo weht der Wind so kräftig wie vor den Küsten. Auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen, der nächste Woche eine mit Spannung erwartete Expertise abliefern wird, hält große Stücke auf die Nordseepower. »Wir könnten damit den gesamten Strom für Deutschland machen – vom Potenzial her«, sagt Olav Hohmeyer, Ökonom und Energieexperte an der Uni Flensburg sowie Mitglied des Rats.

Die Ökoweisen haben sogar schon das Modell eines Versorgungssystems in der Hand, das vollständig auf erneuerbare Energiequellen setzt. Es ist der Gegenentwurf zu dem Vorhaben der Bundesregierung, den Atommeilern längere Laufzeiten zu genehmigen. Eine spinnerte Idee, hätte man vor wenigen Jahren noch gesagt, was auch an der Vorgeschichte solcher Verkündigungen lag. Vor genau dreißig Jahren erschien beim Freiburger Ökoinstitut ein Bericht namens Energiewende, der schon damals ähnliche Ziele in den Blick nahm. Er blieb dann aber doch bloß Lektüre für Spezialisten. Damals, 1980, war im nordfriesischen Kaiser-Wilhelm-Koog noch nicht einmal Deutschlands Große Windkraftanlage (Growian) gebaut worden, die sich später als großer Flop erweisen sollte.

Inzwischen hat sich das geändert. Die Technik macht riesige Fortschritte. Mittlerweile schwärmt selbst das Establishment vom Grünstrom. Heute werden jeden Tag irgendwo auf der Erde mehr als ein Dutzend Windräder errichtet, zu Lande und immer häufiger auch im Wasser.

Aber – leider, leider – stehen diese Mühlen eben in der rauen See, da, wo weit und breit keine Fabrik steht und kein Haus. Der Strom müsste deshalb weite Wege zurücklegen, über Leitungen, die es vorerst nicht gibt.
Deutschlands Stromnetz ist nie für den dauerhaften Transport großer Strommengen über große Entfernungen gebaut worden. Warum auch? Die herkömmlichen Kraftzentralen, die aus Kohle und Atom Strom erzeugen, sind übers ganze Land verteilt, sie stehen da, wo der Strom gebraucht wird. »Lastnah«, so der Branchenjargon. Die armdicken Leitungen, die kreuz und quer durchs Land gehen, dienen nur der Vorsorge gegen Notfälle. Kraftwerksausfälle zum Beispiel. Das Netz erwies sich als billigste Versicherung dagegen.

In der alten Welt hat das sehr gut funktioniert. Für die neue Welt der Windkraft taugt das Netz aber nicht viel. Die Windkraftanlagen stehen in windigen Bundesstaaten wie Niedersachsen, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Den meisten Strom verbrauchen aber die Menschen in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen.

Obendrein: Wann aus dem Wind wie viele Kilowattstunden werden, hängt zu Lande und zu Wasser davon ab, welche Launen die Natur gerade hat. Für Schwankungen im großen Stil sind die bisherigen Stromnetze aber ebenfalls nicht ausgelegt. Immer wenn es im Norden Deutschlands besonders windig ist, müssen die Betreiber von Windparks heute schon fürchten, dass ihre Mühlen vom Netz getrennt werden – wegen drohender Überlastung der Übertragungsleitungen. Beim Elektronentransport geht es dann zu wie auf einer verstopften Autobahn: zu viele Autos, zu wenig Straßen – Stau.

Wird das Stromnetz zum Flaschenhals der Energiewende? Es sieht danach aus. Viele Experten sagen heute, dass jetzt zuallererst das Elektronen-Transportsystem erneuert werden muss. Greenpeace hat bei dem Darmstädter Ingenieurbüro Energynautics eine Studie über das Netz des 21. Jahrhunderts in Auftrag gegeben, die nicht umsonst den Titel 24/7 trägt. Das soll ausdrücken, dass nur bessere Netze 24 Stunden täglich und sieben Tage pro Woche grünen Strom in jeder Steckdose garantieren können. Banker, Strommanager und amtliche Umweltschützer sehen das genauso. Der Flensburger Energieexperte und Ökoweise Hohmeyer sagt, es mangele nicht an den erforderlichen Technologien zur Stromerzeugung aus regenerativen Quellen, das Netz sei vielmehr der »zentrale Engpass«. Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes, fordert ebenfalls: Die Netze müssten ausgebaut werden. Und zwar »zügig«.

Es ist aber nicht so, als seien die Netze das einzige Problem. Eine andere Sorge dreht sich um die Kosten. Offshorewindparks auf hoher See sind sündhaft teuer: Für die 1,5 Milliarden Euro, die sich der Pionier Bekker seine ersten 80 Mühlen kosten lässt, ließen sich gleich mehrere – allerdings weniger umweltverträgliche – Gaskraftwerke vergleichbarer Leistung bauen.

Es lässt sich aber auch dagegen argumentieren: 1,5 Milliarden Euro sind fast nichts, bei Lichte besehen. Denn in den kommenden Jahren muss ohnehin gewaltig investiert werden, damit Europa nicht demnächst im Dunkeln sitzt. Die meisten Stromkonzerne haben seit der Marktliberalisierung vor gut zehn Jahren nur wenig in Kraftwerke und Netze investiert; sie waren nur auf Profite aus. Laut RWE befinden sich inzwischen mehr als zwei Drittel aller europäischen Steinkohlekraftwerke und Atommeiler in der zweiten Hälfte ihrer Lebensdauer; die unterlassenen Investitionen müssen jetzt nachgeholt werden.

Rund eine Billion Dollar müssen in der EU bis zum Jahr 2020 in Kraftwerke und Stromnetze investiert werden, hat die Internationale Energie Agentur (IEA) ausgerechnet. In der Dekade danach, also zwischen 2021 und 2030, wird noch einmal mindestens der gleiche Betrag fällig. Jährlich sind das rund 100 Milliarden Dollar, 20 Jahre lang und vermutlich darüber hinaus.

100 Milliarden Dollar? Nach dem Wechselkurs von 2008 entspricht das rund 70 Milliarden Euro. Das ist fast ein Drittel dessen, was Europas 500 größte, börsennotierte Unternehmen im Durchschnitt der vergangenen Jahre investierten. Und es ist fast doppelt so viel, wie im Jahr 2007 – neuere Daten liegen nicht vor – in Europas Kraftwerke und Stromleitungen gesteckt worden ist. Es ist eine atemberaubende Herausforderung für die Energiewirtschaft und es ist zugleich eine Chance auf echten Wandel.

Die Art der Stromerzeugung kann völlig neu gestaltet werden. Teurer wird sie sowieso.

Die Investitionswelle, die diese steigenden Kosten bringt, könnte manche Verbraucher in die Enge treiben. Sie müssten deshalb bald mit dem Stromsparen anfangen. Am Ende würden nämlich private und gewerbliche Stromkunden zur Kasse gebeten, heißt es in einer Analyse der Citigroup. Das weltweit tätige Finanzinstitut stellt mit seiner Prognose die IEA sogar noch in den Schatten. Die 1.000.000.000.000-Euro-Dekade nennt Citigroup seine Analyse; im Angelsächsischen spricht sich das nicht billion, sondern trillion.

Auch haben Europas Klimapolitiker der Stromwirtschaft viele Vorschriften auferlegt, vor allem den Emissionshandel und Quoten für erneuerbare Energie. Damit die EU ihre Klimaschutzziele erreichen kann, müssen Europas Kraftwerksbetreiber schon in zehn Jahren rund jede dritte Kilowattstunde regenerativ erzeugen, doppelt so viel wie bisher. Derweil reden Spitzenpolitiker selbst konservativer Parteien, einschließlich des deutschen Umweltministers Norbert Röttgen (CDU), einer praktisch vollkommen grünen – sprich: regenerativen – Stromversorgung das Wort. Bis 2050 soll es so weit sein, also in nur 40 Jahren.

»Es entsteht eine ganz neue Energiewelt«, sagt Josef Auer, der in der Forschungsabteilung der Deutschen Bank für die Analyse der Trends in der Energiewirtschaft zuständig ist.

Das viele Geld wird kaum noch in die Wahrzeichen der alten Welt gesteckt werden, also in Schornsteine und Kühltürme. Nach den Szenarien der IEA gehen vier Fünftel der Investitionssumme bis zum Jahr 2030 in grüne Stromfabriken und neue Stromnetze. Das ist so überwältigend, dass sogar die Investitionen für Kernkraftwerke dahinter verblassen. Anders als beispielsweise die deutschen Ökoweisen zählt die Pariser Behörde die Meiler noch nicht zum alten Eisen, aber trotzdem: Im IEA-Investitionsszenario schrumpfen sie zu einer fast vernachlässigbaren Größe.

Zukunftsmusik ist das alles nicht. Der Wandel ist schon heute erkennbar. In den Jahren zwischen 2000 und 2008 sind in Europa mehr Atom-, Kohle- und Ölkraftwerke stillgelegt als neu gebaut worden. Nennenswert zugelegt haben nur Gaskraftwerke – und die Windkraft. 2008 wuchs sie in Europa bereits kräftiger als jede andere Stromquelle.

Nur: Da ist eben noch dieses vertrackte Problem mit dem unzureichenden Stromnetz, das all die umweltverträgliche Energie rund um die Uhr an die richtigen Orte bringen soll.

Im Deutschen Bundestag haben sie das Problem immerhin erkannt. Um den Leitungsbau zu beschleunigen, haben die Parlamentarier im vergangenen Jahr ein spezielles Gesetz beschlossen, das Energieleitungsausbaugesetz. Es enthält eine Liste mit vordringlichen Vorhaben, einige Hundert Kilometer Höchstspannungsleitungen: vom niedersächsischen Wahle ins hessische Mecklar, vom emsländischen Meppen ins niederrheinische Wesel und von Halle in Sachsen-Anhalt nach Schweinfurt in Bayern – quer über den Rennsteig im Thüringer Wald.

Ein Anfang, immerhin. Doch leider wird um jeden Kilometer der geplanten Trassen erbittert gekämpft.

Willkommen auf der jüngsten Baustelle der deutschen Energiepolitik. Dutzende von Bürgerinitiativen machen mobil gegen den Leitungsbau. Bürgermeister, Landräte, Vereinsvorsitzende sind dabei, Politiker jeder Gesinnung.

Der Kampf gegen die hässlichen Masten kennt keine Parteien. Manche der Initiativen, die »Achtung« oder »Vorsicht Hochspannung« heißen, halten neue Leitungen für vollkommen überflüssig und wollen sie »mit allen Mitteln« bekämpfen, wie kürzlich Sven Gregor erklärte, der Bürgermeister im südthüringischen Bockstadt (310 Einwohner). Andere drängen darauf, die Stromkabel unterirdisch zu verlegen, anstatt sie an Masten zu hängen.

Technisch wäre das möglich. Allerdings sind die Erdkabel teurer. Die Netzbetreiber scheuen die Zusatzkosten, weil sie nicht wissen, ob die Bundesnetzagentur sie anerkennt. Ohne das Plazet der Behörde blieben die Unternehmen auf den Kosten sitzen.

So kommt eins zum anderen – und lässt den Ausbau der elektrischen Infrastruktur zäh werden. Die Deutsche Energieagentur (Dena) führt Buch darüber. Unter ihrer Regie ist im Jahr 2005 die Studie entstanden, in der genau steht, welche Leitungen allein bis 2015 neu gebaut werden müssten. Inzwischen spricht Stephan Kohler, Geschäftsführer der halbstaatlichen Dena, von einem »massiven Zeitverzug«.

Die Folge: Die Chancen auf wirksamen Klimaschutz schwinden. Um die Akzeptanz zu erhöhen, fördert das Bundesumweltministerium das Forum Netzintegration. Unter der Regie der Deutschen Umwelthilfe bringt es Befürworter und Kritiker des Leitungsbaus an einen Tisch, Unternehmen, Verbände, Bürgerinitiativen. Moderiert wird das Forum von Peter Ahmels, dem früheren Präsidenten des Bundesverbandes Windenergie.Ahmels weiß: Das deutsche Stromnetz muss nicht nur ausgebaut werden, es muss in Zukunft auch technisch anders funktionieren. Aus Wind und Sonne wird eben nur dann Strom, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht, und das tut er selbst in der Nordsee nicht immer. Manchmal gibt es deshalb mehr Strom, als nachgefragt wird, manchmal weniger. Die Physik verlangt aber, dass sich erzeugte und nachgefragte Mengen jederzeit decken. Also muss irgendwie für einen Ausgleich gesorgt werden, müssen Erzeugung und Nutzung von Strom örtlich oder zeitlich voneinander getrennt werden.

Ein Teil der Lösung ist das sogenannte smart grid: Mithilfe computergesteuerter Schaltzentralen müssten viele kleine »intelligente« Netze entstehen, die Angebot und Nachfrage von Strom zusammenbringen und im Lauf der Zeit zusammenwachsen. Erst dann kann grüner Strom tatsächlich zuverlässig aus jeder Steckdose kommen.

Niemand im Lande weiß aber auch besser als Ahmels: Das allein wird nicht reichen. Wenn der Plan funktionieren soll, darf er selbst an den deutschen Landesgrenzen nicht enden. Deutschlands Stromnetz müsste Teil eines ganz großen, eines fast paneuropäischen Netzes werden, das vom Nordkap bis an die Sahara reicht.

Es klingt paradox: Aber ein besonders großes Netz wäre sogar der ökonomischste Weg, Überangebote oder Unterversorgung zu vermeiden.

Je weiter Windparks oder Solarstromanlagen voneinander entfernt sind, desto geringer ist tatsächlich die Wahrscheinlichkeit, dass überall Flaute herrscht oder der Himmel wolkenverhangen ist. Die Versorgung wird deshalb sicherer – vorausgesetzt, der Strom erreicht die Verbraucher auch aus großen Distanzen. Herkömmliche Leitungen sind dafür ungeeignet, die Verluste wären immens. Es gibt aber eine Alternative, Autobahnen sozusagen, für den fast verlustfreien Stromtransport: die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ).

Die Technik wird bereits seit mehr als 50 Jahren genutzt, inzwischen auf allen Kontinenten. In Europa verbindet zum Beispiel eine HGÜ-Leitung die Insel Gotland mit dem schwedischen Festland, auch Italien und Griechenland sind per HGÜ elektrisch verbunden. Zu einem Netz von Stromautobahnen – Neudeutsch: supergrid – sind die Kabel aber bisher nicht zusammengewachsen. Es wäre die billigste Möglichkeit, um die grüne Energiezukunft zu ermöglichen. Der Transport einer Kilowattstunde über große Distanzen ist nach Angaben des Verbandes der Elektrotechnik (VDE) mit zwei bis drei Cent »sehr günstig«.

Zum Mix der Zukunft gehört auch mehr gespeicherter Strom. Dann ließe sich heute Energie erzeugen, die erst morgen genutzt wird. Speichern lässt sich Elektrizität in Batterien, als Druckluft und als Wasserstoff. Die billigste Alternative sind laut VDE aber Pumpspeicherkraftwerke. Nur: In Deutschland gibt es kaum noch Standorte dafür.

Pumpspeicherkraftwerke sind Wasserkraftwerke, in denen elektrische Pumpen Wasser von einem Unter- in ein Oberbecken befördern, wenn die Stromerzeugung größer als die Stromnachfrage ist. Ist es umgekehrt, wird das im Oberbecken lagernde Wasser durch Rohre auf Turbinen geleitet und in Strom zurückverwandelt. In Deutschland gibt es rund drei Dutzend solcher Speicherkraftwerke. Viel mehr lässt die Topografie nicht zu.

Ganz anders sieht das aber zum Beispiel in Norwegen aus. Das Gebirge, das sich praktisch entlang der gesamten Küste auftürmt, bildet für die atlantischen Tiefdruckgebiete eine Barriere. Es regnet viel, der Regen füllt viele Seen, und das natürliche Gefälle, um aus dem Wasser Strom werden zu lassen, fehlt auch nicht. Norwegen erzeugt praktisch seinen gesamten Strom auf diese Weise, vollkommen CO₂-frei. Könnte der Rest Europas daran nicht teilhaben?

Er könnte, allerdings müssten die norwegischen Wasserkraftwerke umgebaut werden. Bisher sind es ganz normale Wasserkraftwerke, die Strom ausschließlich aus natürlichen Wasserzuflüssen erzeugen. Sollen aus ihnen Pumpspeicherkraftwerke werden, müssen Pumpen und Steigleitungen gebaut werden. Norwegens Wasserkraftstrom und der Nordsee-Windstrom der Zukunft könnten dann allerdings eine perfekte Verbindung eingehen. Immer wenn die Turbinen auf See überschüssigen Strom erzeugten, würde er nach Norwegen geleitet, um dort die Pumpen norwegischer Speicherkraftwerke mit Strom zu beschicken – während aus Norwegen Wasserkraftstrom in Richtung Süden flösse, wenn in der Nordsee einmal Flaute herrschte.

Fantasterei?

Tatsächlich nimmt die Angelegenheit bereits Gestalt an. Seit zwei Jahren verbindet eine Stromautobahn das norwegische mit dem niederländischen Netz; es ist das längste unterseeische Stromkabel der Welt. Ein weiteres Hochleistungskabel zwischen Norwegen und Deutschland ist geplant; es soll 2015 in Betrieb gehen. Statkraft, Europas größter Produzent von grünem Strom, hat sich vorgenommen, Europas swing producer zu werden, also auf dem grünen Strommarkt für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage zu sorgen.

Auch sonst tut sich etwas auf Europas Strommarkt. Die sogenannte Desertec-Initiative lotet im Augenblick aus, ob in Nordafrika erzeugter Solarstrom auch für Europa eine zuverlässige Stromquelle werden kann. Greenpeace und der Europäische Windenergie Verband (EWEA) haben Blaupausen für den Nordsee-Verbund entwickelt. Neun EU-Staaten, darunter Deutschland, verständigten sich im Dezember vergangenen Jahres grundsätzlich darauf, die Nordsee mit elektrischer Infrastruktur zu erschließen. Zehn europäische Konzerne, darunter Hochtief und Siemens, bilden seit Anfang März den Verein Friends of the Supergrid. Da ist etwas in Bewegung gekommen.Fragt sich nur: Ist es genug? Das Netz müssten am Ende die Netzbetreiber bauen – das sind 42 in Europa, manche privat und manche staatlich, manche Teil von Stromkonzernen und andere nicht. Ob sie jemals koordinierte Investitionen zusammenbekommen, ist ungewiss.

Kann sein, dass genau das der Stoff ist, über den künftig in der Energiewirtschaft gestritten wird. Politiker werden darüber nachdenken, was sie Netzbetreibern vorschreiben dürfen. Immerhin wird da ein natürliches Monopol bewirtschaftet, und natürliche Monopole stehen traditionell unter staatlicher Aufsicht. Das berechtige den Staat auch, ihnen zu sagen, »was zu tun ist«, meint der Flensburger Ökonom Hohmeyer.

DIE ZEIT Nr. 18 vom 29.April 2010

 

Industriepolitik : „Aufstand der Bürger“ bedroht Großprojekte

Wirtschaft und Finanzen, 20.09.2010, Jürgen Polzin

 

Essen. Atomkraft, Strommasten, Windräder: Ein breiter Bürgerprotest bedroht Großprojekte von Industrie und Politik. Der „Aufstand der braven Bürger“ überrollt Volksparteien und Gewerkschaften. Spurensuche in einer Protest-Republik.

Stuttgart 21, Kohlekraftwerke, Atomkraft: Der bürgerliche Protest ergreift das Land. Wie selten zuvor mischt sich der Deutsche ein, kippt politische Beschlüsse und stemmt sich gegen Großprojekte von Industrie und Politik. Der „Aufstand der braven Bürger“, er überrollt Volksparteien und Gewerkschaften. Spurensuche in einer Protest-Republik, am Beispiel der Energiepolitik.

Berlin, Kanzleramt. Die Nacht zum 6. September wurde durchverhandelt, nun steht das schwarz-gelbe Energiekonzept, das eine Verlängerung der Laufzeit deutscher Atomkraftwerke vorsieht. Eine „Revolution“ nennt Kanzlerin Angela Merkel ihren Masterplan für ein neues Energiezeitalter. Doch es ist ein Umsturz von oben und eine Entscheidung unter Vorbehalt: Die Anti-Atomkraftbewegung und die Opposition werden Verfassungsklage gegen die Laufzeitverlängerung einreichen. Am Wochenende protestierten Zehntausende gegen die Atompolitik der Regierung. Merkels Energiewende aber stößt in vielen anderen Sektoren quer durchs Land auf Widerstand – vom Kampf gegen Windräder bis hin zum Bürgerbegehren gegen Biogasanlagen.

Raesfeld bei Borken. Hier leben Bürger wie Berthold Fasselt, der als Mitglied einer Bürgerinitiative darum kämpft, nicht zwischen hohen Strommasten leben zu müssen. Die Raesfelder wohnen und arbeiten neben einer Stromtrasse, die der Energiekonzern RWE aufrüsten will. Die Freilandleitung zwischen Wesel am Niederrhein und Diele soll künftig statt 220 Kilovolt 380 Kilovolt transportieren. Die Bürgerinitiativen, die sich unter dem Namen Pro Erdkabel NRW zusammengeschlossen haben, fürchten Elektrosmog und andere Einflüsse, die sie in Nachbarschaft einer Höchstspannungsleitung vermuten. Die Forderung: Statt neue Überlandleitungen zu errichten, sollen die Kabel unter der Erde verlegt werden. Für die RWE-Tochter Amprion, die das Netz betreibt, ist das ein riesiges Kostenproblem. Fünf bis achtmal teurer ist ein Kilometer Erdkabel. „Schon ein Kilometer Freilandleitung kostet 1,2 Millionen Euro“, sagt Amprion-Sprecher Andreas Preuß.

Bundesweit sind Bürgerinitiativen wie die in Raesfeld aus dem Boden geschossen. Deutschlands Vision vom Zeitalter der neuen Energien aber ist ohne einen massiven Ausbau des Stromnetzes nicht möglich. Die Deutsche Energieagentur hat ausgerechnet, dass allein 850 Kilometer Höchstspannungsleitungen neu gebaut werden müssen, damit der Öko-Strom aus den Windparks in Nord- und Ostsee in den Süden Deutschlands transportiert werden kann. Modernisierung ja, aber nicht vor meiner Haustür?

Südtondern im Norden Schleswig-Holsteins. Hierhin wollte die RWE-Tochter Dea Kohlendioxid aus dem 530 Kilometer entfernten Braunkohlekraftwerk in Köln-Hürth pumpen. Doch auch hier rollt der Protest: „Stoppt das CO2-Endlager“, skandiert die gleichnamige Bürgerinitiative.

Es ist die Nabelschnur der Kohleverstromung: Das klimaschädliche Kohlendioxid soll aus den Abgasen abgeschieden und unterirdisch in Gesteinsschichten gespeichert werden. Die so genannte CCS-Technologie will die Regierung bis 2020 erproben. Vor Ort aber denkt man anders: An den möglichen Speicherstätten in Schleswig-Holstein, Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt hat sich der Protest formiert: „Kein Fußbreit auf unserer Land“, hallt es den Erkundungstrupps der Energiekonzerne entgegen. Auch an Rhein und Ruhr hat der mögliche Bau von Kohlendioxid-Pipelines die Öffentlichkeit elektrisiert.

Deutschland gegen alles? Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, warnt vor einer wachsenden Industriefeindlichkeit. Anfang des Jahres forderte er im Gespräch mit dieser Zeitung, „die Beteiligungsrechte der Polit-Profi-Verbände“ zu beschränken. Für Prof. Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, hat indes die Politik versagt: „Es war ein großer Fehler, über das Energiekonzept zu entscheiden, ohne zuvor den gesellschaftlichen Diskurs gesucht zu haben. Wer Rückhalt für seine Politik haben will, muss zuvor die ideologischen Barrieren beiseite räumen.“ 20.9.2010

Quelle: http://www.derwesten.de/nachrichten/wirtschaft-und-finanzen/Aufstand-der-Buerger-bedroht-Grossprojekte-id3738382.html

Neue Stromnetze sorgen in NRW für Ärger

Von Ralf Arenz und Wolfgang Mulke

Köln/Berlin. Sie nennen sich "Gegenwind" oder "Achtung-Hochspannung", "Störwind" oder "Lebenswertes Langenhorn". Sie sind Bürgerinitiativen gegen den Ausbau der Infrastruktur für erneuerbare Energien. Mal ist es die Furcht vor sinkenden Grundstückspreisen, mal die Furcht vor Elektrosmog, der den Widerstand hervorruft.

Männer arbeiten auf einem Strommast. Foto: dpa

Männer arbeiten auf einem Strommast. Foto: dpa

 

Auch gegen die Höchstspannungsleitung der RWE-Netztochter Amprion von Wesel über Bergheim nach Koblenz organisieren sich in NRW Bürgerinitiativen. Eine Gruppe in Borken verlangt etwas, dass Erdkabel verlegt werden. Die sind fünf- bis siebenfach teurer als oberirdische Leitungen, so Amprion-Sprecher Andreas Preuß.

Während die Trasse in NRW noch geplant wird, ist sie in Rheinland-Pfalz bereits fast fertig und soll Mitte Dezember in Betrieb gehen. 45 Millionen Euro hat Amprion hier investiert. Die Trasse durch den Rhein-Sieg-Kreis folgt dem Verlauf der bereits heute existierenden Höchstspannungsleitung.

Auch diese Trasse soll Strom vor allem aus dem Norden der Republik in die Verbrauchszentren im Süden und Westen transportieren. Nötig sind die neuen Leitungen auch, damit die Erneuerbaren Energien wirklich wie geplant bis 2020 einen Anteil von etwa einem Drittel an der Stromerzeugung bekommen.

Deutschland droht damit ein Dauerkonflikt. In einigen Wochen will die Deutsche Energieagentur (Dena) die neue Netzplanung für die nächsten Jahre vorstellen. Die wichtigste Zahl ist bereits durchgedrungen. 3 500 Kilometer neue Stromtrassen hält die vom Bund und der Energiewirtschaft getragene Agentur für notwendig. In den kommenden zehn Jahren sollen die bestehenden Lücken geschlossen werden.

Allein die Kosten für diesen Zwischenschritt beziffert die Dena mit rund sechs Milliarden Euro. Fakt ist, dass ohne diese Investitionen der Strom nicht vom Erzeuger zum Verbraucher gebracht werden kann. Vor allem an und vor den Küsten entstehen neue Kraftwerke. Gebraucht wird diese Elektrizität aber im Westen und Süden des Landes. Also müssen über große Distanzen Überlandleitungen installiert werden.

Der Bund hat die Bürgerbeteiligung per Gesetz so weit eingeschränkt, dass sich Verzögerungen durch lange Verfahren in Grenzen halten. Der Klageweg beschränkt sich zum Beispiel gleich auf die höchste Instanz, das Bundesverwaltungsgericht.

Der Energiekonzern RWE verkauft nach Zeitungsangaben einen Teil seiner Hochspannungsnetz-Gesellschaft Amprion an einen Rentenfonds. RWE wollte am Dienstag einen entsprechenden Bericht der "Westfälischen Rundschau" nicht kommentieren.

Mit dem Teilverkauf des Unternehmens, bei dem 850 Mitarbeiter beschäftigt sind, käme RWE dem Drängen der Brüsseler Kartellwächter nach, die eine Entflechtung von Stromproduktion und Stromtransport verlangt hatten.

Artikel vom 06.10.2010

Proteste : Bürger blockieren Ökostrom

Nachrichten, 07.10.2010, Wolfgang Mulke

 

Berlin. Ökostrom finden zwar viele gut, wenn es aber um den Ausbau geht, ist Schluss mit lustig. Beispiel Netzausbau: 3500 Kilometer neue Leitungen braucht es, um den Strom in die Haushalte zu bringen. Doch dagegen gibt es massiven Widerstand.

Sie nennen sich „Ge­genwind“, „Achtung Hoch­spannung“ oder „Lebenswertes Langenhorn“ – Bürgerinitiativen ge­gen den Ausbau der Infrastruktur für erneuerbare Energien. Die Volksinitiative Windrad will Ansammlungen von Windrädern in Brandenburg verhindern, Protestler im bayrischen Lech kämpfen ge­gen ein Wasserkraftwerk, in Thüringen liegt eine Hochspannungsleitung auf Eis, da Bürger und Politiker keinen Windstrom-Transport durch den Thüringer Wald wollen. Mal ist es die Furcht vor sinkenden Grundstückspreisen, mal die vor Elektrosmog, die Widerstand hervorruft.

Bürgerbeteiligung per Gesetz eingeschränkt

Deutschland droht ein Dauerkonflikt. Denn für den Um­stieg auf Ökostrom müssen die Netze ausgebaut und ergänzt werden. Speicherkraftwerke sind nötig, um die Versorgung bei Windflaute oder bedecktem Himmel zu sichern. Daran zweifeln auch die Grünen nicht. „Der Ausbau ist notwendig“, so die Umweltexperten der Bundestagsfraktion. Und die Bundesnetzagentur drängt auf eine rasche Erweiterung der Leitungen.

In einigen Wochen stellt die Deutsche Energieagentur (De­na) die Netzplanung für die nächsten Jahre vor. Die wichtigste Zahl ist bereits bekannt: 3500 Kilometer neue Stromtrassen hält die vom Bund und der Energiewirtschaft getragene Agentur für nötig. Binnen zehn Jahren sollen die Lücken geschlossen werden. Die Kosten dafür beziffert die Dena mit sechs Milliarden Euro.

Fakt ist, dass ohne die Investitionen Strom nicht zu Verbrauchern gebracht werden kann. Vor allem an und vor den Küsten entstehen Kraftwerke. Gebraucht wird Strom aber im Westen und Süden des Landes. Also müssen über große Distanzen Überlandleitungen installiert werden. Bisher ist der Ausbau schleppend. Nicht mal 100 Kilometer neue Trassen wurden gebaut.

Teure Erdkabel-Lösungen

Das liegt aber nicht nur am Widerstand vor Ort. Der Bund hat die Bürgerbeteiligung per Gesetz so weit eingeschränkt, dass sich Verzögerungen infolge langer Verfahren in Grenzen halten. Der Klageweg be­schränkt sich auf die höchste Instanz, das Bundesverwaltungsgericht. Trotzdem dauert es laut dem Hochspannungsnetzbetreiber Amprion, der in Deutschland etwa ein Drittel der Langstreckenverbindungen verantwortet, fünf bis zehn Jahre, bis der erste Pfeiler errichtet wird.

Bis 2015 will die RWE-Tochter zwischen Meppen und Wesel eine 130 Kilometer lange Hochspannungsleitung bauen. Wegen der frühen Einbindung von Kommunen, Bürgerinitiativen und Grundbesitzern hält sich der Widerstand gegen das Projekt in Grenzen. Teils werden bestehende Trassen ge­nutzt, teils wird der Strom über unterirdische Kabel geleitet. Vergrabene Leitungen würden auch andernorts beruhigend wirken. Doch das hat einen Preis. 1,2 Millionen Eu­ro kostet ein Kilometer oberirdisch installierte Leitung. „Die Verkabelung kostet das Vier- bis Zehnfache“, so Amprion.

Der Protest in Stuttgart ge­gen den neuen Bahnhof schreckt viele auf. Beim Netzausbau sollen Fehler wie die unzureichende Einbindung der Bürger vermieden werden. Die Grünen werfen Netzbetreibern hier mangelnden Willen vor.

Noch steht die Entwicklung der Ökostrom-Infrastruktur am Anfang. Für den Umstieg ist viel Geld nötig. Auf rund 40 Milliarden Euro taxieren Ex­perten die Kosten in den nächsten Jahrzehnten. Auf Verbraucher kommen Belastungen zu. Sie werden Investitionen letztlich über den Strompreis mitbezahlen.

http://www.derwesten.de/nachrichten/Buerger-blockieren-Oekostrom-id3803095.html
 

 

Stromnetz der Bahn soll Windenergie durchleiten

Der hoch subventionierte Ökostrom kommt bei den Verbrauchern kaum an, weil die Stromleitungen überlastet sind. Jetzt soll die Bahn helfen.

Arbeiten an Strommasten
Foto: dpa Strommasten sind für manche ein Ärgernis. Aber wie sonst soll der Strom von den Windparks im Norden zur Industrie im Süden kommen
Von N. Doll und D. Wetzel

Tausende Gegner der geplanten Hochspannungsleitung zwischen Peine im südlichen Niedersachsen und dem hessischen Mecklar wollen in die Dämmerung hinaus und entlang der 190 Kilometer langen Strecke 300 Feuer entfachen. „Feuer statt Masten“ heißt die Aktion, mit der 17 Bürgerinitiativen den Bau einer Stromleitung verhindern wollen, die Windenergie aus dem Norden zu den Verbrauchern im Süden transportieren soll. Das ZDF plant, die Brand-Kette vom Flugzeug aus zu filmen. Auch deshalb ist Peter Gosslar, Sprecher der Initiative „Vorsicht Freileitung“, zuversichtlich, „dass auch die Politiker in Berlin den Feuerschein sehen und erkennen, was Bürgerwille ist“.

Dieser Bürgerwille entwickelt sich langsam zum größten Problem der deutschen Ökostrom-Branche. An der Küste und in der Nord- und Ostsee wachsen zwar ganze Wälder von Windkraftanlagen in die Höhe. Doch der hoch subventionierte Ökostrom kommt bei den Verbrauchern kaum noch an, weil die Stromleitungen Richtung Süden schon heute hoffnungslos überlastet sind. Der Bau neuer Strommasten wird überall von Bürgerinitiativen, Kommunal- und Landespolitikern blockiert. Allein im Falle der Freileitung in Niedersachsen gab es 24.000 Einsprüche im Raumordnungsverfahren. 80-Meter-Masten will niemand in Sichtweite, geschweige denn im Garten haben. Der zuständige Staatssekretär in Hannover ist jetzt schon sicher, dass er wegen der Einsprüche den Zeitplan nicht einhalten kann.

Die Dimension, die das Leitungsproblem erreicht hat, lässt inzwischen selbst in der Bundesregierung Zweifel daran aufkommen, ob die ambitionierten Ziele beim Klimaschutz und Ökostrom-Ausbau noch erreicht werden können. Denn die „Deutsche Energie-Agentur“ (Dena) hatte in einer viel beachteten Studie 2005 vorgerechnet, dass bis 2015 etwa 850 Kilometer neue Hochspannungsleitungen durch Deutschland gezogen werden müssen, um den Windstrom von der Küste abzutransportieren. Heute, fünf Jahre später, sind davon gerade 90?Kilometer fertig. Der Rest hängt fest in Bürgerprotesten.

 

Damit nicht genug: Weil die Bundesregierung den von ihr gewünschten Ökostrom-Anteil für das Jahr 2020 inzwischen von 20 auf 30 Prozent erhöht hat, weiß man längst, dass selbst die 850 Kilometer nicht ausreichen werden. Nach der aktualisierten Dena-Netzstudie, die in diesem Herbst veröffentlicht werden soll, werden es tatsächlich wohl Leitungen von über 3000 Kilometer Länge sein, die für erneuerbare Energien hinzugebaut werden müssen. Die Zahl der Protestfeuer droht sich daher zu vervielfachen.

In der Bundesregierung hat man das Problem erkannt. Das nationale Energiekonzept, das in der vergangenen Woche vom Bundeskabinett verabschiedet wurde, geht an vielen Stellen auf das gravierende Leitungsproblem ein. „Der Netzausbau bildet das Rückgrat des gesamten Energiekonzepts“, sagte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sogar.

 

Jetzt allerdings kommt aus der Unionsfraktion im Bundestag eine neue Idee, wie denn die norddeutschen Windstrom-Gebiete mit den Verbrauchszentren im Süden verbunden werden könnten, ohne die Bürger über Gebühr zu belasten. Die Deutsche Bahn soll ihre Fernstromtrassen für den Bau der dringend benötigten Leitungen zur Verfügung stellen. Dann gäbe es weniger Streit und Prozesse mit unwilligen Grundstückseigentümern und Bürgerinitiativen. Genehmigungsverfahren könnten beschleunigt werden.

„Ich halte es für relativ wahrscheinlich, dass die Deutsche Bahn AG hier einen signifikanten Beitrag zur Problemlösung leisten könnte“, heißt es in einem Brief des Bundestagsabgeordneten Georg Nüßlein (CSU) an Bahn-Chef Rüdiger Grube. Der Stromleitungsbau entlang der Bahntrassen liege „im Interesse des Gemeinwohls“, betont Nüßlein, der seit fünf Jahren die Energiepolitik der Unionsfraktion im Bundestag koordiniert. Das zusätzliche Energiegeschäft könne außerdem „die unternehmerische Rolle der Deutschen Bahn AG im Infrastruktursektor intelligent flankieren“, sagt der Abgeordnete.

Nüßlein pflegt gute Kontakte zu seinem Parteifreund Peter Ramsauer, dem Bundesverkehrsminister. „Die Idee, das Bahnnetz zu nutzen, hat durchaus Charme“, heißt es im Hause des Ministers. „Das könnte ein gangbarer Weg sein, das Durchleitungsproblem in den Griff zu kriegen.“ Ein Sprecher Ramsauers bestätigt: „Der Vorschlag, das Stromnetz der Deutschen Bahn zur allgemeinen Durchleitung von Strom zu nutzen, wird derzeit ressortübergreifend geprüft.“

Aus gutem Grund: Die Bahn ist ohnehin der größte Stromverbraucher in Deutschland und verfügt zudem über ein eigenes Stromleitungsnetz von 7754 Kilometer Länge, das die Züge mit Energie versorgt. Zwar sind die bahneigenen Leitungen mit nur rund 110 Kilovolt Kapazität nicht geeignet, zusätzlichen Strom über große Strecken zu transportieren. Doch technisch und wirtschaftlich spricht nichts dagegen, an einigen ausgewählten Nord-Süd-Strecken die Bahnmasten um bis zu 15 Meter zu erhöhen, um zusätzliche Gleichstrom-Freileitungen mit bis zu 500 Kilovolt unterzubringen. Die Masten wären damit immer noch deutlich niedriger als die 80-Meter-Riesen, die sonst in die Landschaft müssten. Die Idee eines sogenannten Overlay-Netzes zusätzlich zum bestehenden Leitungssystem ist im Energiekonzept der Bundesregierung ohnehin bereits angedacht. Warum dafür nicht bestehende Bahntrassen nutzen? Ein Großteil des norddeutschen Windstroms könnte so über die bestehenden Netz-Engpässe hinweg abtransportiert werden.

In einem internen Papier setzt die Deutsche Bahn den Investitionsbedarf grob geschätzt zwar auf „2 bis 2,5 Milliarden Euro“ an, wenn ihre Masten auf diese Weise ertüchtigt werden sollten. Dabei handelt es sich um einen vergleichsweise geringen Preis, um das deutsche Ökostrom-Problem zu lösen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) jedenfalls hatte die nötigen Investitionen in den deutschen Netzausbau bis zum Jahr 2020 auf 40 Milliarden Euro beziffert, die Option Bahn-Trasse dabei aber noch nicht in Betracht gezogen. „Preiswerter und besser als mit der Bahn ist der Ökostrom kaum zum Kunden zu bringen“, lautet deshalb das Fazit des Bonner Energieexperten Carl Caspar Jürgens, dessen Idee der Bahntrassen-Nutzung auch gleich bei der Bundesnetzagentur Unterstützung fand. „Keine andere Lösung ist mit einem so geringen Eingriff in Natur und Landschaft verbunden.“

Langfristig sieht Jürgens sogar die Möglichkeit, Bahn- und Autobahntrassen – aus ökonomischer Sicht natürliche Monopole – in eine „Bundesstiftung Infrastruktur“ zu überführen. Zum Stromübertragungsnetz ausgebaut, könnten die ohnehin bundeseigenen Bahntrassen zum Kern einer Art „Deutschen Netz AG“ werden. Dass der Staat in dieser Form wieder Verantwortung für die Energie-Infrastruktur übernimmt, hatten Verbraucherschützer wiederholt gefordert – zuletzt, als der E.on-Konzern sein deutsches Hochspannungsnetz an die niederländische Tennet verkauft hatte.

 

Der Vorstandschef der Deutschen Bahn steht den Plänen zwar nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. „Wenn die Bahn etwas erbringen kann, was andere nicht leisten können, gibt es keinen Grund, das nicht zu prüfen“, sagte Grube der „Welt am Sonntag“. Doch intern gibt es Vorbehalte. „Jenseits von Machbarkeitsüberlegungen stellt sich die Frage, warum die Bahn in ein höchst reguliertes Geschäft einsteigen sollte“, heißt es in einem vertraulichen Positionspapier des Konzerns: „Ein Geschäft, bei dem sich offensichtlich auch die großen Verstromer bisher sehr bedeckt halten.“ Außerdem würden neue Planfeststellungsverfahren fällig, wenn die Bahn ihre Leitungsmasten erhöhen wollte. „Diese dürften auf mindestens dieselben Widerstände treffen, wie sie auch die Übertragungsnetzbetreiber kennen“, warnen die Manager.

Einwände, die nicht von allen geteilt werden. „Das Bahnstromnetz ist das einzige flächendeckende Stromnetz, das wir in Deutschland haben“, betont Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur. Die Chance, die Genehmigungsverfahren im Leitungsbau mithilfe der Bahn zu verkürzen, sei durchaus „interessant und attraktiv“, sagt der zuständige Chefregulierer. „Angesichts des Ausbaubedarfs, den wir in Deutschland haben, sollten wir alle Möglichkeiten prüfen.“

In: http://www.welt.de/wirtschaft/article10027003/Stromnetz-der-Bahn-soll-Windenergie-durchleiten.html


 
König: Beim Ausbau des Stromnetzes frühzeitig auf Fragen des Strahlenschutzes eingehen
Ausbau des Netzes mit den betroffenen Menschen planen

Der zügige Ausbau der Stromnetze ist die Voraussetzung für das ambitionierte Ziel der Bundesregierung, bis 2050 80 Prozent des Strombedarfs in Deutschland mit erneuerbarer Energie zu decken. Dabei müssen Fragen des Strahlenschutzes von Anfang an berücksichtigt werden. Das betonte der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, heute anlässlich der Veröffentlichung des Jahresberichtes der Behörde in Salzgitter.

„Für eine moderne Energieversorgung ist es von zentraler Bedeutung, das Stromnetz zu erneuern und auszubauen“, so König. Die betroffenen Menschen müssten jedoch frühzeitig mitgenommen und dürften nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden. „Die Bürgerinnen und Bürger sollten bereits bei der Planung der Stromtrassen einbezogen und anschaulich über Vorteile, aber auch wissenschaftliche Unsicherheiten informiert werden.“ Nur so könnten Vertrauen in die Sicherheitsbewertung und die notwendige Akzeptanz für den Ausbau des Stromnetzes erreicht werden. So weckt der Bau neuer Stromtrassen häufig Befürchtungen, die neuen Leitungen könnten zu Strahlenbelastungen führen, die sich auch gesundheitlich auswirken.

Das BfS hat in einer aktuellen und im Jahresbericht zusammengefassten Studie die von Stromtrassen ausgehende elektrische und magnetische Strahlenbelastung untersucht. Die Untersuchung zeigt, dass diese in unmittelbarer Umgebung der Stromtrassen am höchsten ist und danach stark abfällt. Nach derzeitigem wissenschaftlichen Stand sind unterhalb der Grenzwerte keine gesundheitlichen Auswirkungen durch die Felder von Freileitungen zu befürchten. Bei der Bewertung möglicher Auswirkungen niedriger Magnetfeldstärken in Wohngebäuden auf Kinder besteht noch wissenschaftlicher Untersuchungsbedarf. König: „Stromtrassen sollten aus Sicht des Strahlenschutzes so geplant werden, dass sie möglichst nicht zu einer zusätzlichen Strahlenbelastung führen.“ Das bedeutet beispielsweise, dass neue Leitungen nicht durch Wohngebiete geführt werden sollten. Wo dies nicht möglich ist, sollten anhand der konkreten Situation vor Ort Maßnahmen getroffen werden, um die Strahlenbelastung zu reduzieren. Das kann beispielsweise durch die unterirdische Verlegung mit Erdkabeln geschehen, aber auch durch bauliche Veränderungen von Freileitungen.

Beim Bau neuer Stromtrassen muss aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt werden. Der Blick auf die durch den Ausbau des Mobilfunknetzes ausgelöste zum Teil große Verunsicherung sollte eine Mahnung sein. Wissenschaftlich nicht selten unbegründete, aber von den Menschen gleichwohl empfundene Gesundheitsrisiken, können zu erheblichem Widerstand, Zeitverzögerungen und Kostensteigerungen führen. „Wer ein zukunftssicheres Stromnetz zügig aufbauen will, muss sich rechtzeitig um die Ängste und Fragen der betroffenen Menschen kümmern“, stellte der Präsident des BfS fest.

König verwies in Bezug auf die Bürgerbeteiligung auf die Erfahrungen des BfS bei der Sanierung der Asse, ein Schwerpunkt des heute veröffentlichten Jahresberichts. Das BfS hat bei der Asse eine neue Form der Bürgerinformation und -beteiligung eingeführt, durch die das Vertrauen in das Handeln staatlicher Institutionen verbessert wird.
 

Pressemitteilung Bundesamt für Strahlenschutzt, 16 vom 13.10.2010

 

Deutschland fehlen 3500 Kilometer Hochspannungsleitung
Der Ausbau der erneuerbaren Energie schreitet rasant voran, doch der Ausbau der Netze hält damit nicht Schritt. Die Deutsche Energie-Agentur schlägt Alarm: Allein im Stromnetz fehlen Hochspannungsleitungen in einer Länge von 3500 Kilometern.
von Klaus Stratmann
Hochspannungsmasten: Das deutsche Netz umfasst Leitungen von rund 22.000 Kilometern. Quelle: dpa
 
BERLIN. Deutschland steht vor enormen Investitionen in die Energieinfrastruktur. Nach Berechnungen der Deutschen Energie-Agentur (Dena) fehlen allein im Stromnetz Hochspannungsleitungen in einer Länge von 3500 Kilometern. Um die Lücken bis 2020 zu schließen, sind Investitionen von etwa sechs Mrd. Euro erforderlich. Die Zahlen entstammen der zweiten Dena-Netzstudie, deren Ergebnisse dem Handelsblatt vorliegen. Die Studie soll erst im November vorgestellt werden, die Kernaussagen stehen aber bereits fest.
 
Die erste Netzstudie der Dena war 2005 noch zu dem Ergebnis gekommen, dass nur 850 Kilometer Leitungen fehlen. Aufgrund des schnellen Ausbaus der erneuerbaren Energien ist dieser Wert nach den aktuellen Berechnungen jedoch überholt, so dass weitere 3 500 Kilometer gebaut werden müssen. Die Zahlen der Agentur, die zur einen Hälfte dem Bund und zur anderen Hälfte der Kredit- und Versicherungswirtschaft gehört, belegen, dass beim Thema Netzausbau die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer weiter auseinanderklafft.
 
Von den 850 Kilometern aus der ersten Netzstudie sind wegen der großen Umsetzungsprobleme beim Netzausbau bislang weniger als 100 Kilometer realisiert worden. Insgesamt umfasst das deutsche Übertragungsnetz Hochspannungsleitungen mit einer Länge von rund 22 000 Kilometern. Die Dena-Netzstudien gelten als die Blaupause für den Netzausbau. Auftraggeber der zweiten Dena-Netzstudie sind das Bundesumwelt- und das Bundeswirtschaftsministerium, die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber sowie Verbände und Einzelakteure der Energiebranche.
 
Der Netzausbau gilt als Achillesferse beim Umstieg der Stromerzeugung auf die erneuerbaren Energien. Die Stromproduktion verlagert sich wegen des zügigen Ausbaus der Windkraft mehr und mehr nach Norden und Nordosten, verbraucht wird der Strom aber hauptsächlich im Westen und Südwesten der Republik. Mit den massiven Investitionen in die Windkraft vor den Küsten von Nord- und Ostsee wird sich die Entwicklung beschleunigen. Die Dena unterstellt bei ihren Überlegungen einen Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von bis zu 34 Prozent im Jahr 2020. Sie bewegt sich damit im Rahmen der Ziele der Bundesregierung. Derzeit liegt der Anteil der Erneuerbaren bei 16 Prozent.
 
Netz stößt an Kapazitätsgrenzen
Das Netz stößt immer häufiger an seine Kapazitätsgrenzen. Der Netzbetreiber 50-Hertz, der das Übertragungsnetz im Nordosten der Republik betreibt, verzeichnete im Jahr 2006 noch insgesamt 80 sogenannte „Gefährdungstage“ im Sinne des Energiewirtschaftsgesetzes. Damit sind solche Tage gemeint, an denen der Netzbetreiber in den Stromerzeugungsmarkt eingreifen muss und etwa Kraftwerke vom Netz nehmen muss, weil zu viel Windstrom ins Netz drängt. Der Windstrom genießt Priorität bei der Einspeisung. Die Zahl der Gefährdungstage stieg im 50-Hertz-Netz seit 2006 auf 197 Tage im vergangenen Jahr.
 
Die Dena hat Deutschland für die Netzstudie in 18 Regionen aufgeteilt. Für diese Regionen wurde der zu erwartende Zubau an regenerativen Erzeugungskapazitäten berechnet, gleichzeitig wurde die Verbrauchssituation in den Regionen prognostiziert. Aus der Entwicklung von Erzeugung und Verbrauch in den Regionen wurde der Bedarf an Netzen abgeleitet. Außerdem berücksichtigte die Dena regionale Potenziale zum Bau von Stromspeichern. Sie werden in der Stromversorgung der Zukunft eine tragende Rolle spielen. Sie sollen helfen, die Volatilität der Stromerzeugung aus Wind oder Sonne auszugleichen.
 
Neue Technik berücksichtigt
Zusätzlich bezog die Dena neue Techniken wie Hochtemperaturleitungen in ihre Überlegungen ein. Hochtemperaturleiterseile ermöglichen eine Verdoppelung der Übertragungskapazitäten. Der Bedarf an neuen Leitungen würde sich durch ihren Einsatz halbieren. Zugleich müssten aber 5000 bis 6 000 Kilometer des bestehenden Netzes auf die neue Technik umgestellt werden. Die Kosten würden sich auf gut 13 Mrd. Euro belaufen.
 
http://www.handelsblatt.com/politik/_b=2667024,_p=6,_t=ftprint,doc_page=0;printpage

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