Keine Stahlkolosse auf dem Feld

 19.05.2009, Gabi Schultze
 
RWE Rhein-Ruhr lässt Erdkabel für Strom zwischen Hamminkeln und Wesel verlegen.
 

Kreis Wesel. Als Erfolg werten die „Bürgerinitiativen Pro Erdkabel NRW” das Gesetz zum beschleunigten Ausbau von Stromleitungen im Höchstspannungsbereich, das der Bundestag vor wenigen Tagen verabschiedet hat. Denn dieses Gesetz sieht auch vor, dass Netzbetreiber auf vier Pilot-trassen in Deutschland, die in der Nähe von Wohngebieten liegen und auf 380 000 Volt aufgestockt werden sollen, eine Teilverkabelung unter der Erde beantragen können. Eine davon ist die Trasse Wesel-Diele, die in NRW durch die Kreise Wesel, Borken und Steinfurt führt. RWE Rhein-Ruhr hat sich für eine Erdverkabelung entschieden, derzeit laufen die Bauarbeiten im Bereich Bruchweg in Hamminkeln bis „Zu den vier Winden” in Wesel.

„Wir verkabeln, damit die Netze auch zukünftig sicher und leistungsfähig sind”, erklärt der Leiter des RWE-Regionalzentrums Niederrhein, Andreas Lantwin. „Steigende Anforderungen an die Sicherheit und Effizienz sowie die zunehmende dezentrale Energieeinspeisung erfordern die Erneuerung unserer Anlagen.” Dazu werden in den kommenden drei Monaten 10,5 Kilometer Freileitungen demontiert, 6,3 Kilometer Erdkabel verlegt und sechs Transformatoren-Stationen errichtet.

Die „Bürgerinitiativen Erdkabel NRW” freuen sich über den Einsteig in die Erdverkabelung im Hoch- und Höchstspannungsbetrieb, sagt Gaby Bishop. „In Hamminkeln und Wesel sind viele Landwirte betroffen, die es begrüßen, wenn ihnen keine Stahlkolosse auf ihre Felder gesetzt werden.” Derzeit seien Strommasten 34 Meter hoch, bei einem Ausbau auf 380 000 Volt würden die Masten auf über 60 Meter erhöht, so Gaby Bischop. Allerdings wurde aus Sicht der Initiative die Chance vertan, den Stromnetzausbau mit einer verbindlichen Erdverkabelung voranzutreiben. Das Bundesgesetz sieht lediglich eine Kann-Regelung vor, beschränkt auf die vier Pilotprojekte. Eine durchgängige Erdverkabelung sei unausweichlich, um Anwohner für den Ausbau des Netzes zu gewinnen, heißt es in einer Mitteilung der Initiative.

 

Wesel

Der Stromknoten für Europa

VON FRITZ SCHUBERT -

Wesel (RP) Zwei neue Höchstspannungsleitungen (380 kV) der RWE-Tochter Amprion kreuzen sich bald in Obrighoven. Hintergrund: globaler Energiehandel und Windkraft-Saft von der Küste. Die Planverfahren laufen jetzt an.

Auf dem internationalen Energiemarkt laufen Vorbereitungen für verstärkten Handel mit und die Durchleitung von Windkraft-Saft aus Nordsee-Anlagen auf vollen Touren. Die Umspannanlage Niederrhein des RWE in Obrighoven wird dabei eine wichtige Rolle spielen.

Sie fungiert als Knoten mit europäischer Bedeutung. Hier werden zwei neue Höchstspannungsleitungen (380 kV) angeschlossen. Die eine führt Richtung Niederlande, die andere zur deutschen Küste. Die Planverfahren laufen jetzt an, wie unlängst an der Bekanntmachung in der RP zur Umweltverträglichkeitsprüfung auf niederländischer Seite für die Strecke Doetinchem-Dinxperlo zu erkennen war.

Drei Milliarden in zehn Jahren

"Das liegt an einem niederländischen Gesetz, dass auch das betroffene Ausland informiert werden muss", erklärte Marian Rappl die ungewöhnliche Großanzeige. Rappl ist Sprecher des Unternehmens Amprion (Dortmund), das in zehn Jahren drei Milliarden Euro investieren will. Es hat zum 1. September die RWE Transportnetz Strom abgelöst, soll künftig unabhängig agieren können.

Grundlage der Projekte ist das Ende August vom Bund verabschiedete Energieleitungsausbaugesetz. Die Wesel betreffenden Vorhaben genießen darin hohe Priorität. Parallel zum Gesetz hat die Bezirksregierung Münster das Raumordnungsverfahren für die Niederlande-Leitung gestartet. Ein Planfeststellungsverfahren mit Umweltverträglichkeitsprüfung schließt sich an. Gebaut werden soll ab 2012. Es geht um 33 Kilometer von Wesel über Hamminkeln und Rees zur Grenze. 35 Millionen Euro will Amprion hier investieren.

Ebenfalls konkret in Gang ist die Arbeit am Draht von Wesel über Borken und Wettringen nach Diele (Emsland). Hier fließen 200 Millionen Euro in 130 Kilometer Strecke. "Die Umspannlage Niederrhein ist ein zentraler Punkt für das europäische Höchstspannungsnetz – besonders für die Windenergie", sagt Marian Rappl.

Weil der Neubau auf bestehenden Trassen geschieht, sollen sich Eingriffe in die Landschaft in Grenzen halten. Die teils aus den 30er Jahren stammenden alten 220- und 110-kV-Masten von etwa 30 Meter Höhe werden durch neue ersetzt. Mit teils 55 Meter Höhe sollen die wegen der höheren Spannung nötigen größeren Abstände (Stichwort Immission) gewahrt werden.

Betreiber Amprion ist RWE-Tochter, doch ist der Energieriese nur einer von 350 Nutzern seines Netzes.

Rheinische Post, 18.9.2009

Wesel

Die Riesen-Masten kommen

VON SEBASTIAN LATZEL -

Wesel (RP) In Wesel werden zwei neue Höchstspannungsleitungen zusammenlaufen. Klar ist bereits jetzt, dass es auf Weseler und Reeser Seite dieser Trasse keinen Kabel unter der Erde geben wird. Anderswo gibt es Protest.

Der Hintergrund leuchtet ein: Immer mehr Energie wird im Norden erzeugt, gleichzeitig immer mehr Kraftwerke im Süden abgeschaltet. Das hat zur Folge, dass riesige Energiemengen vom Norden in den Süden transportiert werden müssen. Ein Bedarf, den die Deutsche Energie-Agentur (Dena) festgestellt hat und der jetzt auch in der Region mit zwei neuen 380-KV-Höchstspannungsleitungen praktisch umgesetzt werden soll (RP berichtete).

Von den Niederlanden

Eine Trasse wird von Meppen nach Wesel führen, die andere von den Niederlanden über Isselburg und Rees ebenfalls nach Wesel. Geplant und gebaut wird die neue Leitung von der Firma Amprion, einer 100-prozentigen Tochter der RWE. Pläne, die vor Ort offenbar noch gar nicht so richtig bekannt sind, die aber im Nachbarkreis Borken bereits hohe Wellen schlagen.

Knotenpunkt Wesel

Die Pläne sind beispielsweise von der Isselburger Verwaltung bereits kritisiert worden. Dort wünscht man sich Erdkabel. Ähnlich wird das in Rees gesehen, wo derzeit die Pläne für die Leitung Richtung Holland im Rathaus ausliegen. In Wesel oder Hamminkeln, wo neue Masten auf alten Standorten gebaut werden sollen, ist das Thema noch nicht spektakulär – obwohl in der Kreisstadt der Strom-Knoten für das Großprojekt ist. Im Kreis Borken haben sich sogar bereits Bürgerinitiativen gegründet, die fordern, das Kabel in der Erde zu verlegen. Zu diesen Forderungen nahmen gestern Vertreter von Amprion Stellung. Sie erläuterten, dass es an vielen Stellen nicht wirtschaftlich sei, ein Erdkabel zu verlegen. Denn ein Kilometer Kabel in der Erde kostet sieben Millionen Euro und damit sieben Mal so viel wie bei einer Freileitung. Zudem müssten für das Erdkabel Übergangsstationen errichtet werden mit einer Grundfläche von 35 mal 70 Meter, also einem halben Fußballfeld. "Da wirdnicht jeder Bauer begeistert sein, wenn eine solche Station auf sein Feld kommen soll", erläuterte Dieter Picklapp von Amprion. Das Unternehmen hat bereits die Bereiche im Auge, die ein Erdkabel bekommen sollen. Alle liegen noch im Regierungsbezirk Münster – beispielsweise bei Raesfeld. Klar ist: Weder zwischen Raesfeld und Wesel noch zwischen Holland und Wesel wird es Erdkabel geben.

15 Meter Mindestabstand

Die neuen Riesenmasten werden fast komplett auf der vorhandenen Trasse errichtet. Da sie einen doppelt so großen Abstand haben müssen, wird sich automatisch die Zahl der Masten verringern. Zwischen Raesfeld und Wesel etwa werden später 28 Riesenmasten statt der bestehenden 44 stehen. Die Leitungen sollen einen Mindestabstand von 15 Meter zum Boden haben, damit kein Bauer Probleme bekommt, wenn er beispielsweise mit einem großen Mähdrescher darunter unterwegs ist.

Info

Die Trassen

2015 soll die Trasse von Meppen nach Wesel fertig sein, die dann über Hünxe Richtung Süden weitergeführt werden soll.

Die Leitung von Holland über Isselburg, Rees und Hamminkeln nach Wesel ist planerisch noch weiter zurück. Hier wird die Realisierung mindestens zweiJahre länger dauern.

Rheinische Post, 25.11.2009

 

 

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