Deutsche Energieagentur beklagen mangelnden Netzausbau

Fließt Ökostrom bald an NRW vorbei?

Von Robert Franz

Beim rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien werden die Stromnetze zu einem Engpass, bemängelt die Deutsche Energieagentur. Weil der Bau neuer Leitungen mühevoll und teuer ist, könnte NRW vom Ökostrom abgekoppelt werden.

 
Mehrere Hochspannungsleitungen vor einem Abendhimmel; Rechte: WDR/PohlBild vergrößern

Mehr Schein als Sein im Hochspannungsnetz?

Die neueste "Stromautobahn" im Münsterland sieht Andreas Preuß auf einem guten Weg. "In ein paar Monaten werden der Bezirksregierung in Münster die Unterlagen für die Genehmigung vorgelegt", erklärt der Sprecher von Amprion, einer Tochtergesellschaft des Energiekonzerns RWE. Vom niedersächsischen Meppen soll die 380.000-Volt-Hochspannungsleitung quer durch den Kreis Borken Richtung Wesel verlaufen. Preuß hofft, dass 2015 der erste Strom fließt. "Eine der Leitungen, die wir brauchen, um den Strom aus Windkraftanlagen im Norden zu den Verbrauchern im Süden zu transportieren."

 

Neue Anforderungen an das Stromnetz

Hermann-Josef Wagner; Rechte: Ruhruni BochumBild vergrößern

Hermann-Josef Wagner

Aus Sicht von Hermann-Josef Wagner kommt die neue Stromleitung gerade noch im richtigen Moment. Der Leiter des Lehrstuhls für Energiewirtschaft an der Uni Bochum sorgt sich um die Versorgungssicherheit beim Strom. Ebenso wie die Experten der Deutschen Energieagentur: In ihrer zweiten Netzstudie, die in wenigen Wochen veröffentlicht wird, beklagen sie den unzureichenden Ausbau des Hochspannungsnetzes. Grund sind die gravierenden Veränderungen, die das Netz in den vergangenen Jahren erlebt hat.

 

Leitungswege werden länger

Während früher Kraftwerke meist um Umkreis von 50 bis 100 Kilometern zu den Verbrauchern entstanden, werden die Wege seit dem Bau der Windparks immer länger. "Der Strom, den die Windanlagen produzieren, wird vor Ort gar nicht gebraucht." So entsteht ein Stromberg. Es muss ein Ausgleich zu den Regionen geschaffen werden, wo der Verbrauch größer als die Menge des erzeugten Stroms ist. Den Stromtälern im Süden und Westen. "Doch über die bestehenden Hochspannungsleitungen ist dieser Ausgleich bald nicht mehr möglich." Wann dieser "Flaschenhals" zu eng wird, hängt laut Wagner vom Tempo beim Ausbau von Wind- und Sonnenkraftwerken ab.
 

Nord-Süd-Gefälle ausgleichen

Hochspannungsmast auf einer Weide; Rechte: MauritiusBild vergrößern

Hohe Spannung für lange Leitungen

Insgesamt fehlen nach Berechnungen der Deutschen Energieagentur in einigen Jahren mehr als 3.500 Kilometer Hochspannungsleitungen. Mit ihnen wird der auf 380 Kilovolt transformierte Strom über große Strecken übertragen. Je höher die Spannung ist, desto weiter kann der Strom nahezu verlustfrei transportiert werden. Pro Kilovolt etwa einen Kilometer. Neben den Windparks kommt der Strom vor allem aus den verschiedenen konventionellen Kraftwerken. Sie entstehen derzeit vor allem im Ruhrgebiet und im Rheinland. Auch für sie wird das Netz der Hochspannungsleitungen erweitert. Deshalb soll die geplante neue Stromtrasse entlang des Rheins weiter nach Süden verlaufen, bis nach Koblenz. So kommt nicht nur Windstrom nach NRW, sondern zugleich auch Strom aus rheinischer Braunkohle in die Ballungszentren in Süddeutschland.

 

Angst vor elektromagnetischer Strahlung

Hochspannungsleitungen führen über Wohnhäuser; Rechte: IMAGOBild vergrößern

Widerstand der Anwohner

An der geplanten Stromtrasse regt sich Widerstand. Einige Anwohner sorgen sich um ihre Gesundheit, denn entlang den Hochspannungsleitungen entstehen elektromagnetische Felder. Diese Felder stehen laut Bundesamt für Strahlenschutz im Verdacht, Krankheiten wie Alzheimer und Leukämie hervorzurufen. Die Sorgen der Anwohner nimmt die energiepolitische Sprecherin der Grünen in NRW ernst. "Ich habe mit den Menschen vor Ort bereits einige Gespräche geführt", erklärt Wiebke Brems. Die Elektroingenieurin sieht zwar die Notwendigkeit für neue Leitungen, damit der Ökostrom aus Wind seinen Weg nach NRW findet. Doch ihrer Ansicht nach setzen die Betreibergesellschaften auf die falsche Technik.

 

Alternativen werden unterschiedlich bewertet

Neben dem klassischen Hochspannungsnetz können die Leitungen inzwischen aber auch unterirdisch verlegt werden. Für Wiebke Brems hat die neue Technik Vorteile für die besorgten Bürger: "Die elektromagnetische Strahlung ist bei beiden Alternativen deutlich geringer." Nach Ansicht der Grünen-Politikerin haben die Netzbetreiber es versäumt, früher in diese neue Technik zu investieren. Dem widerspricht Andreas Preuß von der RWE-Tochter Amprion. "Von der Bundesnetzagentur wurden nur vier Pilotstrecken für die neuen Erdkabel genehmigt." So soll unter anderem in Raesfeld ein Stück der neuen Hochspannungstrasse unter der Erde verschwinden. Probleme bereite diese Technik aber, wenn Autobahnen oder Bahnstrecken gequert würden, ergänzt Preuß.
 

Ersatz durch intelligente Netze

Zwei Windräder stehen auf gelben Stahlgerüsten im Meer; Rechte: ddp/DavidBild vergrößern

Waschen, wenn der Wind bläst

Eine weitere Alternative zum Ausbau des Hochspannungsnetzes könnten die sogenannten intelligenten Stromnetze sein. Deren Entwicklung steht Wiebke Brems noch ganz am Anfang. Statt die Kraftwerksleistungen dem jeweils benötigten Stromverbrauch anzupassen, suchen sich schlaue Elektrogeräte den idealen Zeitpunkt zum Einschalten. "Etwa dann, wenn gerade viel Wind bläst" sagt Brems. So ließen sich einige Kilometer der fehlenden Hochspannungsleitungen in Deutschland einsparen, ohne dass Verbraucher in NRW auf an der Küste erzeugten Windstrom verzichten müssten.

http://www.wdr.de/themen/wirtschaft/wirtschaftsbranche/energie/energiewirtschaft/stromnetze/index.jhtml

 

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